Tibetische Medizin: Einleitung und Geschichte

Die Tibetische Medizin zählt zu den ältesten scholastischen Medizinsystemen der Welt. Sie stellt eine Synthese aus verschiedenen asiatischen Medizinsystemen dar. In ihr finden sich das indische Ayurveda, die schamanistische Tradition der Bönpas, die Chinesische und Persische Medizin sowie die buddhistische Lebenshaltung und Weisheit.

Das berühmteste schriftliche Werk der Tibetischen Medizin ist das im 8. und 12. Jahrhundert verfasste Gyüshi, in dem 1 600 verschiedene Störungen und 404 Hauptkrankheiten klassifiziert und 2 293 Heilmittelzutaten dargestellt sind. Zusammen mit dem Kommentar Blauer Beryll und 79 kunstvollen Medizin-Thangkas (Rollbilder) stellt es immer noch den Grundpfeiler der medizinischen Ausbildung für tibetische Ärzte dar.

Die Tibetische Medizin wurde und wird in verschiedenen Teilen Asiens wie Tibet, Nepal, Sikkim, Bhutan, Ladakh, der Mongolei, Polen und Russland praktiziert. Nach der Zerstörung der medizinischen Tradition in Tibet durch die Chinesischen Kommunisten und der Flucht des XIV. Dalai Lamas im Jahre 1959 nach Indien wurde das Men-Tsee-Khang  gegründet und das Chakpori (Eisenhügel) in Indien wiedereröffnet.

Die Wurzeln der Tibetischen Medizin

Die Wurzeln der Tibetischen Medizin Ihren Ursprung hat die Tibetische Medizin im Ayurveda. In ihrem Mutterland Indien durchläuft sie laut Badmajeff vier Phasen: Die Erste zur Zeit der Legenden, als sich die "Himmlischen Geister" mit der Medizin beschäftigten, die Zweite zur Zeit der acht Rishis (Gelehrte), die Dritte zur Zeit der Vertreter des Brahmanentums, und Viertens zur Zeit des Buddha Gotama, seiner Anhänger und der Pandits. 

Doktor Peam Dorjee, Leibarzt des XIV. Dalai Lamas und Generalsekretär des Instituts für Tibetische Medizin und Astrologie (TMAI) glaubt, daß das Men-Tsee-Khang in Indien durch Buddha gegründet und durch Nagarjuna zu dem Arzt Yuthok Yanthen Gompo nach Tibet gebracht wurde. 

In Tibet selbst gehen die ältesten Formen der Medizin bis in die vorbuddhistische Zeit der animistischen Bön-Religion zurück. Im 5. und 6. Jahrhundert V.u.Z. verbreitet der aus West-Tibet stammende Bön-Lehrer Shenrab die Bön-Medizin in ganz Tibet. Die schamanistische Heilpraxis der Bönpas umfasste diverse Heilpraktiken, Diätregeln und Ansätze einer Arzneimittelkunde. 

Im Jahre 127 V.u.Z. floh Nyatri Tsenpo, ein indischer Fürst, nach verlorener Schlacht in den Himalaya und wurde der erste König Tibets. 

Und während der Regierungszeit des 27. Königs Lha-Tho-Thori Nyentsen im fünften Jahrhundert wurden wichtige Schriften der Indischen Medizin mündlich ins Tibetische übertragen. 

Der Beginn der tibetischen Schulmedizin 

Im 7. Jahrhundert endlich wurde unter dem tibetischen König Song Tsen Gampo eine Tibetische Schrift entwickelt und das Medizinsystem reformiert. Dazu wurden in Folge alle Vertreter östlicher Medizin aus Indien, China, Nepal, Kaschmir und Persien eingeladen und verschiedene medizinische Schriften ins Tibetische übersetzt. Durch den Einfluss seiner zwei Frauen, einer Nepalesischen und einer Chinesischen Prinzessin, nahm der König außerdem den buddhistischen Glauben an. 

Der berühmte tibetische Arzt Yuthok Yonten Gonpo der Ältere, der als Verkörperung des Medizin-Buddha gilt, schrieb als Ergebnis einer medizinischen Konferenz unter dem König Tri Song Dentsen (755 bis 797) die erste Version der Vier Medizintantras, das Buch Gyüshi (tib. rGyud bzhi). 

Im Jahre 1126 schließlich wurde Yuthok Yonten Gonpo der Jüngere geboren. Auf den in Indien studierten Gelehrten gehen ein Werk über Krankenuntersuchungen auf Grund des Pulses in fünf Bänden und die heute noch bekannte Fassung des Gyüshi, dem Grundlagenwerk der Tibetischen Medizin, zurück. Nach Auffassung von Wissenschaftern hat der Autor dieses Werk als Synthese verschiedener Quellen geschaffen.

So meint F. Meyer (1996) in seinem Werk Klassische Tibetische Medizin: "Einige der Einflüsse leiten sich zum Beispiel aus medizinischen Arbeiten ab, die Teil des Tanjur sind, besonders dem Astangahrdayasamhita und vor allem seinem Komentar, dem Padarthacandrikaprabhasa." In dem im metrischen Versmaß verfassten Werk sind 1600 verschiedene Krankheiten klassifiziert und 2293 Heilmittelzutaten dargestellt.

Die Tibetische Medizin in der Mongolei 

Unter der Regierung des Godan Khan, ungefähr um das Jahr 1235, kam die Tibetische Medizin auch in die Mongolei. Der Tibetische Arzt Lama Sakja (tib. Sa skya) konnte den Potentaten von einer Lähmung heilen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts brach die Mongolische Dynastie in China jedoch zusammen und die medizinische Wissenschaft verlor an Bedeutung. 

Die medizinische Schulen in Tibet 

Zur Zeit des buddhistischen Reformators Tsongkhapa (1357-1419) begannen sich im Distrikt Amdo-sgo, in den Klöstern Tsamba und Surchar, zwei tibetisch-medizinische Schulen zu entwickeln. Die Tschangwaische Schule wurde durch Namgal-Dawa gegründet und die Surkharische durch Nenit-Dorga, welche beide viele medizinische Werke verfassten. 

Die Klassik der Tibetischen Medizin 

1696 veranlasste der Fünften Dalai Lama den Bau des Chakpori-Institutes für Medizin in Lhasa. Sein Regent Sangye Gyamtso überarbeitete das Gyüshi und publizierte den berühmten Kommentar Blauer Beryll. Außerdem wurden 79 kunstvolle Medizin-Thangkas, Rollbilder die den Inhalt des Kommentars illustrieren, gemalt. Bis heute zählen diese Werke zur Basis der medizinischen Ausbildung tibetischer Ärzte.

Unter den buddhistischen Burjaten in Russland entwickelte sich die Tibetische Medizin ebenfalls unter dem Einfluss vieler gelehrter Lamaärzte, die höhere ärztliche Schulen in sogenannten Datsangs (buddhistischen Klouml;stern) besuchten. 

Die Tibetische Medizin in Asien 

Andere Gebiete, in denen sich die Anwendung der Tibetischen Medizin durchsetzte, waren Nepal, Sikkim, Bhutan und Ladakh. Im Jahre 1916 veranlasste der XIII. Dalai Lama die Gründung des Men-Tsee-Khang, einer Schule für Medizin und Astrologie. Diese Einrichtung steht Mönchen als auch Laien offen. 

Die Tibetische Medizin in Europa 

Das Europa der Neuzeit lernte die Tibetische Medizin das erste Mal im Jahre 1857 kennen, als der tibetische Arzt Sul-Tim-Badma aus dem Kloster Aga in Transbaikalien nach St. Petersburg an den Zarenhof kam. Nach Annahme des griechisch-orthodoxen Glaubens nannte sich der aus dem Geschlecht der Sasogolen stammende Gelugpa-Mönch Alexander Badmaev.

Der Russische Zar hatte ihm einen Brief geschrieben, indem er ihn bat, seine Kräuterpräparate bei Tuberkulose-erkrankten Soldaten anzuwenden. Nach anscheinend erfolgreichen vier Jahren, im Jahre 1864, wurde er dann eingeladen, an der medizinisch-chirurgischen Akademie Petersburg zu arbeiten. Praxis, Apotheke, Akademie, Gastvorlesungen an der Universität über mongolische Sprache und schließlich die Bitte des Zaren das Gyüshi ins Russische zu übersetzen, müssen für den siebzigjährigen Mönch dann zu belastend geworden sein, sodass er darum bat, seinen Bruder nachkommen lassen zu dürfen. 

Um das Jahr 1870 schließlich kam sein Bruder nach St. Petersburg, trat zur Ostkirche über und ließ sich auf den Namen Peter Alexander Badmaev taufen. Dieser übernahm 1871 die Gastprofessur über mongolische Sprache, studierte nebenbei westliche Medizin an der Akademie und approbierte schließlich 1877. Peter Badmaev wurde in Folge Mitarbeiter in der asiatischen Abteilung des Außenministeriums und half seinem Bruder in der Praxis.

1898 publizierte er die ersten beiden Wurzeln des Gyüshi in Russisch mit detaillierten Angaben über die Patienten, die er in den Jahren von 1875 bis 1897 nach Tibetischer Medizin behandelt hatte. Zudem verfasste er eine Arbeit, welche unter dem Titel "Der Gesundheitsfreund" die spezielle Anatomie nach der tibetischen Methode, die auf mathematischen Berechnungen der Größenverhauml;ltnisse des ganzen Körperbaues beruhte, als Manuskript zurückblieb. Peter Badmaev starb 1923, angeblich im Alter von 112 Jahren. 

Die Neffen von Peter Badmaev waren nach dessen Tod die Einzigen in Europa, die sich mit Tibetischer Medizin beschäftigten. So führte Nikolaus Badmaev die Klinik in St. Petersburg weiter und Wladimir Badmajeff (1883-1961) zog nach dem Tod des Onkels 1923 nach Warschau, wo er als westlicher Arzt ordinieren durfte. Er gab mehrere Zeitschriften über Tibetische Medizin heraus und publizierte 1929 das Buch Chi Szara Baddahan, das im Fabri Verlag 1994 unter dem Titel Lung - Tripa - Bäkän in einer erweiterten Fassung neu aufgelegt wurde.

1944 ging während des Warschauer Aufstands seine Wohnung, Praxis, Labor und wertvolle Kunstsammlung in Flammen auf und er selbst wurde von der Gestapo verhaftet. In letzter Sekunde entging Badmajeff dem Tod, da ihn ein deutscher Offizier in die Reihe der Frauen und Kinder einordnete. Er floh nach Krakau und eröffnete noch im Alter von 60 Jahren eine Praxis, die bald großen Zustrom fand. 

Das Ende der medizinischen Tradition in Tibet

Die Annektierung Tibets durch China zwang viele Tibeter zur Flucht und die sogenannte Kulturrevolution zerstörte viel Wissen und bedeutete unter anderem die Zerstörung des Chakpori und den Tod von unzähligen tibetischen Ärzten. 1959 floh Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, nach Indien und ließ sich mit seinen Gefolgsleuten in McLeod Gunj bei Dharamsala im Bundesstaat Himajal Pradesh nieder. 

Die Tibetische Medizin in der Moderne

1961 gründete Seine Heiligkeit das Men-Tsee-Khang (Institut für tibetische Medizin und Astrologie - TMAI), Indien und auch das Chakpori wurde in Kalimpong im Bundesstaat Darjeeling, Sikkim durch Lama Trogawa Rinpoche wiedereröffnet. Weitere Institutionen, die Tibetische Medizin lehren sind die Ladakh School of Tibetan Medicine, welche 1989 in Ladakh, Indien gegründet wurde, sowie das Central Institute of Higher Tibetan Studies in Sarnath, Varanasi, Indien. 

Seit dem "Ersten Internationalen Kongress über Tibetische Medizin" 1998 in Washington D.C. bekundete Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama immer wieder den Wunsch eines Brückenschlags zwischen der westlichen und der östlichen Medizin. So sieht das geistliche Oberhaupt die Notwendigkeit eines Dialogs im Interesse der Patienten und unterstrich dies am ersten Kongresstag vor den 1 600 Kongressteilnehmern mit den Worten: 

"Unser Jahrtausende altes Medizinsystem kann heute einen wichtigen Beitrag leisten. Es muss die Wirksamkeit unserer Heilpflanzen verstanden werden. Dazu brauchen wir rigorose Studienprogramme, denn unsere Kräutermischungen müssen einer kritischen Analyse standhalten."

Die Tibetische Medizin und die Wissenschaft

Die wissenschaftliche Evaluierung der Tibetischen Medizin wurden in letzten Jahren vor allem durch die Tätigkeit der Schweizer Padma AG und einiger anderer Institutionen wie der Hebrew University in Jerusalem, der ETH Zürich, der Medizinischen Fakultät der Universität Poznan, der Universität Kopenhagen, dem Department for Anthropolocical Biology Oxford, dem Biozentrum Innsbruck, der Abteilung f ür Zellphysilogie der Universität Salzburg und der Uniklinik Ulm vorgenommen.

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Wikipedia zur Tibetischen Medizin

DMOZ zur Tibetischen Medizin

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