Grundlagen der Tibetischen Medizin

ABSTRACT

Die Tibetische Medizin ist vom Buddhismus und seiner Lebenshaltung geprägt. Demnach irrt der verblendete Mensch im leidverbundenen Samsara umher. Geistige Unwissenheit ist die Ursache aller Krankheiten. Die fünf elementaren Grundenergien Raum, Wärme, Luft, Erde, Wasser und die drei physiologischen Faktoren Lung, Tripa, Bäkän konstatieren den psychischen und körperlichen Gesundheitszustand.

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Die buddhistische Philosophie

Die Tibetische Medizin ist vom Buddhismus und seiner Lebenshaltung geprägt. Daher scheint es angebracht kurz über die Entstehung und die Prinzipien des Buddhismus zu referieren.

Der Buddhismus ist eine Religion, die durch Gotama Siddharta Shakyamuni im 5. Jahrhundert v. Chr. Begründet wurde. Gotama wurde in Kapilavashtu im heutigen Nepal als Sohn eines gewählten Regenten geboren. Daher wurde der aus der Kriegerkaste Stammende der Tradition entsprechend als Prinz Siddharta angeredet.

Nachdem er seine politische Pflicht mehr recht als schlecht nachgekommen war, auch geheiratet und einen Sohn gezeugt hatte, verließ er mit 29 Jahren seine Heimat und machte sich in die Hauslosigkeit auf, um fortan als Asket zu leben. Nach Jahren der Selbstkasteiung wandte Gotama sich vom Asketendasein ab und schlug den Mittleren Weg ein. Schließlich erlangte Gotama in Bodh Gaya unter einem Pappelfeigenbaum sitzend die Erleuchtung.

Die Grundaussage Gotamas sind die vier edlen Wahrheiten, die sich mit dem Leid, seinen Ursachen und seiner Überwindung durch den achtfachen Pfad beschäftigen. Die verblendeten Lebewesen, zu denen weltliche Götter, Halbgötter, Menschen, Tiere, hungrige Geister und Höllenwesen zählen, irren im immerwährenden Daseinskreislauf Samsara umher. Dem Tod eines Unerlösten folgt seine Wiedergeburt, in der sich das Leiden und Sterben wiederholt. So sagte der Buddha:

"Aus dem Anfanglosen, Mönche, kommt die Wanderung [der Wesen im Wiedergeburtenkreislauf]. Kein Anfang lässt sich absehen, von welchem sich die Wesen, im Nichtwissen (avijja) befangen, von der Gier (tanha) gefesselt, [im Samsara] umherirren und wandern. Was meint ihr, Mönche, ist mehr:

Das Wasser in den vier großen Meeren oder die Tränen, die ihr vergossen habt, als ihr auf diesem weiten Weg umherirrtet und wandertet und jammertet und weinet, weil euch zuteil wurde, was ihr hasstet, und nicht zuteil wurde, was ihr liebtet?" (Schumann, 1976) 

Die Ursachen dieses Kreislaufs der Wiedergeburten sind befleckte Taten und Leidenschaften. Wenn das Hauptbewusstsein unter den Einfluss der Leidenschaften gerät, sammelt es schlechte Handlungen an. Solch ein Mensch steht unter dem Einfluss verschiedener Geistesgifte wie Begierde, Hass, Stolz, verkehrte Ansichten und der Anhaftung an die eigene Person.

So sagt der XIV. Dalai Lama, dass diese falsche Vorstellung vom Ich auf Grund mangelnden Wissens über die Existenzweise der Phänomene entsteht. Die Tatsache, dass alle Phänomene frei oder leer sind von inhärenter Existenz, wird verdunkelt, und man nimmt die Phänomene als inhärent existent wahr. Darauf basierend erwächst dann die Vorstellung eines [vermeintlich inhärenten] Ich. So ist die Vorstellung, die Phänomene existieren inhärent, eine leidenschaftsverbundene Unwissenheit und bildet damit die eigentliche Wurzel aller Leidenschaften. Befreiung (Nibbana) erlangt man, indem man die Ursachen der Leiden beseitigt.

Demnach sind körperliche und psychische Krankheiten ethisch-moralisch bedingt und die Ursache aller Krankheiten die Unwissenheit. So sagt BADMAJEFF, dass Krankheit nichts anderes ist als die Folge eines schlechten Verhaltens des Menschen in körperlicher wie moralischer Beziehung und dass man nicht auf die Krankheit schimpfen soll, sondern eher auf sich selbst.

Der Medizin-Buddha

Der Medizin-Buddha gilt als der Erfinder der Tibetischen Medizin und wird vom tibetischen Arzt zur Behandlung konsultiert. So sagt Dr. Tenzin Choedrak, Leibarzt des IX. Dalai Lama, dass der Medizin-Buddha vom tibetischen Arzt durch Gebete, Mantras und Visualisation zu Hilfe geholt wird.

Von seinem himmelblauen Körper gehen vielfarbige Strahlen aus, welche die drei Gifte zerstören und das Gleichgewicht der drei Körperprinzipien des Patienten wieder herstellen können. In seinen Händen hält der Buddha eine Schale, in der Nektar der Myrobalane befindet.

Die Philosophie der Tibetischen Medizin

In der Tibetischen Medizin wird der Mensch als Teil des Universums gesehen - ist Mikrokosmos in einem Makrokosmos. Es sind daher dieselben Kräfte in einer einzelnen Körperzelle, einem Gewebe oder Organ tätig wie im unendlichen Weltall. Diese Kräfte lassen sich nach Auffassung der Tibetische Medizin auf fünf Grundenergien zurückführen: Raum, Wärme (Feuer), Luft, Erde und Wasser. Diese Energien sind es auch, die für die Vitalität des Geistes und des Körpers verantwortlich sind.

Die fünf Grundenergien des Universums

Raum ist die Grundbedingung des materiellen Seins. Er verleiht ihr Gestalt und setzt die einzelnen Teile in Beziehung. In ihm drücken sich die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Teilen des Organismus, wie auch zwischen den einzelnen Organismen. Im Raum finden sich alle verborgenen und sichtbaren Kräfte.

Unter Wärme versteht man in der Tibetischen Medizin das Licht und auch die Wärme-Energie, die durch den Stoffwechsel unter Nahrungsaufnahme gebildet wird. Luft, Erde und Wasser sind Ausdrücke, mit denen die gasförmigen, festen und flüssigen Aggregatzustände der Substanzen in einer Zelle und des Organismus bezeichnet werden. (Badmajeff, 1929)

Es sind diese fünf Grundenergien, die in verschiedenen Abarten und Verhältnissen in den Organismen der Tier- und Pflanzenwelt auftreten und indem sie verschiedene Verbindungen untereinander eingehen, die Vielfalt der Gewebe, vom Protisten bis zum hoch entwickelten Vertebraten aufbauen.

Die physiologischen Faktoren Lung, Tripa und Bäkä

Die physiologischen Faktoren Lung (tib. rlun), Tripa (tib. mkhris-pa) und Bäkän (tib. bad-kan) entsprechen den ayurvedischen Säften Vayu, Pitta und Kapha. Jeder dieser Faktoren hat bestimmte Qualitäten und Zuordnungen:

Lung heißt wörtlich übersetzt Wind und seine Manifestation ist die Bewegung, seine Grundenergie ist die Luft und seine Eigenschaften sind leicht, beweglich, kalt, rau und trocken. Dieser Faktor stellt ein Bindeglied zwischen dem äußeren und dem inneren Organismus dar und steht für Nervenenergien und die Sinne. Ein Zuviel an Lung bewirkt Herzrasen, Durst und Trockenheit des Mundes, Blähungen und Windkrankheiten im Bauchraum, eine dunklere Hautfarbe, den Verlust des Glanzes der Haut und Inkontinenz.

Bei zuwenig Lung hingegen ist der Herzschlag verlangsamt, es kommt zu Schwäche, Müdigkeit, Unlust zu arbeiten oder zu reden, einem schlechten Gedächtnis, schwerer Atmung und Appetitlosigkeit. Zentren von Lung sind Triebkräfte und Quellen zur Aneignung und Belieferung des Lebewesens mit der aus der Luft geschöpften Energie. Es gibt fünf Arten von Lung, wobei Choedrak insgesamt 42 verschiedene Unterarten angibt: Den lebenserhaltenden Wind, den aufwärtsbewegenden Wind, den durchdringenden Wind, den feuerbegleitende Wind und den austreibenden Wind.

Tripa bedeutet Galle, meint aber nicht die Gallenflüssigkeit westlicher Nomenklatur. Seine Manifestation ist die Wärme, seine Grundenergie ist das Feuer und seine Eigenschaften heiß, scharf, trocken, rau, leicht, ölig und beweglich. Zentren von Tripa sind Triebkräfte und Quellen zur Verarbeitung und Belieferung des Lebewesens mit der Sonnenenergie. Man unterscheidet zwischen verdauender Galle, Farbe und Glanz regulierender Galle, der verwirklichenden Galle, der Sehen machenden Galle und der Farbe (der Haut) hellmachenden Galle.

Bäkän heißt Wasser beziehungsweise Schleim. Seine Manifestation ist die Flüssigkeit, seine Grundenergie sind die Erde und das Wasser und seine Eigenschaften sind schwer, stabil, stumpf, fein, ölig, trocken, flüssig, kühl und flexibel. Hier gibt es den stützenden Schleim, den zersetzenden Schleim, den schmecken machenden Schleim, den zufriedenstellenden Schleim und den verbindenden Schleim.

Lung, Tripa und Bäkän bilden die physiologische Grundlage, von der Gesundheit und Leben des Organismus abhägen. Eine Störung im Gleichgewicht dieser Faktoren zieht Krankheit und Tod mit sich.

Ursachen von Krankheiten

Zu den Ursachen, die ein Ungleichgewicht der physiologischen Faktoren bewirken zählen falsches Denken, falsche Diät, falsches Verhalten, ein ungünstiges Klima, seelische Störungen und schlechtes Karma, der Einfluss der Planeten, Geister und Dämonen.

Der menschliche Körper

Im hochgelegenen Tibet herrscht ein extremes Klima. In diesem Klima gehen Verwesungsvorgänge nur sehr langsam vor sich. Rituelle Verbrennungen, wie sie beispielsweise in Indien vorherrschen, kommen auf Grund chronischen Holzmangels nicht in Frage. Daher wurden Leichen zerstückelt den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Für den buddhistischen Tibeter, für den der Körper nach dem Tod keinen Zweck mehr erfüllt, ist dies kein Frevel. Aus dieser Art der Leichenentsorgung ergibt sich auch das relativ gute Verständnis der menschlichen Anatomie in der Tibetischen Medizin.

Dem Gyüshi zufolge besteht der menschliche Körper aus Chylus, Blut, Fleisch, Knochen, Mark und Samen, wobei jede dieser Substanzen die darauf folgende hervorbringt. Nach Donden (1998) geschieht dies, indem die aufgenommene Nahrung in einen gereinigten und in einen nicht gereinigten Teil geschieden wird. Der gereinigte Anteil ist der Chylus, aus dem in der Leber Blut gemacht wird. Aus dem Blut wiederum entsteht Fleisch, aus dem Fleisch entsteht Fett, aus Fett Knochen, aus Knochen Mark und aus Mark Samen. Der Vorgang der Trennung der Anteile wiederholt sich so oft, bis die gesamte Nahrung verdaut ist (Donden, 1998).

Die Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig zum Erhalt von Lebenskraft und einem langen Leben. So wird in der Tibetischen Medizin ganz im Sinne des Mittleren Weges ein nicht zu wenig und nicht zuviel an Nahrungsaufnahme propagiert. Es werden weiter auch gezielt Ungleichgewichte in den physiologischen Faktoren mit einer bestimmten Diät therapiert.

So vermehrt Gerste die Körperkraft und ist gegen Schleim und Galle wirksam, Reis ist bei allen Faktoren wirksam, soll die die männliche Potenz vermehren und kann Durchfall stoppen und Hirse gibt dem Körper Stabilität, ordnet und heilt Knochen. Ebenso ordnet man Hülsenfrüchte bestimmten medizinischen Anwendungen zu und unterteilt tierische Produkte in verschiedene Klassen, die unterschiedliche Eigenschaften haben (Donden, 1998).

Die Lebensweise 

Die Lebensweise gilt als grundlegender Faktor für das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Der Buddhist lebt im Bewusstsein, dass er als Mensch eine besondere Möglichkeit hat den Erleuchtungsgeist zu entwickeln. Daher wird er versuchen ein langes Leben zu erlangen und dem gemäß zu leben.

Die Jahreszeiten

Auf Grund des Wechsels der Grundenergien im Laufe des Jahres, ändern sich auch die physiologischen Energien des menschlichen Körpers. Daher ist das Verhalten und die Diät den Jahreszeiten anzupassen.

Die Diagnose in der Tibetischen Medizin

Der tibetische Arzt kommt praktisch ohne Diagnoseinstrumente aus. Die Diagnose läuft gewöhnlich in drei Schritten ab: Zuerst befragt der Arzt den Patienten nach seinen Beschwerden, aber auch nach seinem Alter, Beruf, wichtige Lebensumstände und Verhalten. Als nächstes untersucht der Arzt das Gesicht, die Zunge und den frisch gelassenen Urin. Dazu schlägt er den Urin mit einem Stäbchen und untersucht in auf Schlieren- und Blasenbildung, sowie Geruch und Geschmack.

Zuletzt fühlt der tibetische Arzt den Puls des Patienten. Bei dieser Pulsdiagnose, die im letzten Tantra des Gyüshis erklärt wird, erfühlt der Arzt mit den mittleren drei Fingern den Puls an der Arteria radialis am Handgelenk oder einer anderen Arterie des Hilfesuchenden. Der Zeigefinger des Arztes geht bis auf die Haut, der Mittelfinger bis zum Fleisch und der Ringfinger drückt bis auf den Knochen des Patienten (Donden, 1998).

Dr. Lobsang Wangyal, ein Leibarzt des Dalai Lamas, erklärt, dass der Arzt zuerst überprüft, welcher der drei Körperprinzipien aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Das kann einer sein, aber auch zwei oder alle drei. Im nächsten Schritt erfühlt der Arzt dann, welche Organe davon betroffen sind.

Der Arzt erkennt 43 oberflächliche Pulsarten. Auch wenn es aus westlicher Sicht nicht selbsteinleuchtend wie der tibetische Arzt auf diese Weise zu einer Diagnose kommen kann, kann doch festgestellt werden, dass es - soweit es Entsprechungen gibt – zu einer weitgehenden Übereinstimmung mit der westlichen Diagnose gibt.

Der tibetische Arzt kann so beispielsweise Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen, Diabetes, Tuberkulose und Krebserkrankungen diagnostizieren. Für mehr Informationen lese man bei Donden, Y. Tibetisches Heilwissen. Gesundheit durch Harmonie. Der Leibarzt des Dalai Lama über die Prinzipien eines gesunden und langen Lebens. S. 77-109 nach.

Gelegentlich werden auch noch die Muttermilch untersucht, eine Augendiagnostik oder eine Ohrvenendiagnose bei Kindern unter 8 Jahren vorgenommen. Körperliche Untersuchungen sind sehr selten und werden nie vollständig ausgeführt. 

Behandlungsformen in der Tibetischen Medizin 

Die Behandlung nach tibetischer Auffassung beinhaltet immer auch einen Wechsel der Lebenseinstellung und Lebensführung. Der gläubige Patient soll Liebe und Mitgefühl entwickeln, Mantras rezitieren, Visualisationstechniken und Atemübungen anwenden und sich in der Meditation üben. So werden beispielsweise aus tantrischen Überlegungen die Juwelpillen in den frühen Morgenstunden eingenommen.

Dazu werden sie im Mund zerbissen und mit heißem Wasser hinuntergespült. Dabei ist das Mantra des Medizin-Buddhas zu rezitieren: tadyatha aum bhaishjya bhaishjya maha bhaishjya raja samud gate svaha (Runkel, 1998) und der Medizin-Buddha zu visualisieren. In den nächsten Tagen ist dann eine Diät einzuhalten (Verzicht auf Fleisch, Eier, rohes Gemüse und Obst et cetera), sowie auf anstrengenden Sport oder Sex zu verzichten.

Der tantrische Buddhismus ist für Agnostiker (zu denen wohl der Großteil der Europäer zu zählen ist) nicht immer ganz leicht zu verstehen. Auch die tibetische Vorstellung, dass die Heilerfolge vom geistigen und moralischen Entwicklungszustand des Arztes abhängig sein sollen, ist auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtend. Jedoch ist das subjektive Gefühl des Patienten, bei dem Arzt in vertrauensvollen Händen zu sein und sein ehrliches Interesse und Mitgefühl zu haben, sicherlich förderlich für den Heilungsprozess. Man vergleiche diese Überlegung auch mit den Untersuchungen zum so genannten Therapeutic touch.

Der tibetische Arzt unterscheidet zwischen inneren und äußeren Heilmethoden. Die innere Therapie auf der Basis von Drogen wie Kräuterpillen, Abführmittel, Brechmittel, Schnupfmittel, Inhalationen, Klistiere, Massagen, Mineralbäder und Räucherungen.

Zu den äußeren Heilmethoden zählen der Aderlass bei Hitze-Erkrankungen, Augenleiden und Fieber, die Akupressur bei Kopfschmerzen, Schwindel, u.a., die Akupunktur (Golden needle) bei Wind- und Schleim-Erkrankungen, Epilepsie, Schlaganfall, Psychosen u.a., die Moxabustion bei Wind- und Schleim-Erkrankungen, Augenleiden, Rückenschmerzen und psychogenen Leiden, sowie das Schröpfen bei Rückenschmerzen u.a. und kleinere chirurgische Eingriffe.

Der tibetische Arzt und seine Ausbildung

Die moralische und spirituelle Integrität des Arztes ist in den Augen der Tibetischen Medizin, neben einer fachlichen Kompetenz, von ausschlaggebender Bedeutung für einen Heilerfolg. Daher wird auf eine selektive Auswahl der Studenten nach ihren persönlichen Qualitäten großen Wert gelegt.

Die Ausbildung zum Arzt dauert gewöhnlich 5 bis 6 Jahre, gefolgt von einer zweijährigen Praxis. In manchen Klöstern dauert die Ausbildung gar 12 bis 15 Jahre. Zum Medizinstudium gehört auch eine intensive Beschäftigung mit der Astronomie und der Astrologie, welche für die Vorherbestimmung günstiger Tage für das Sammeln von Heilpflanzen, oder für wichtige Behandlungen benötigt wird.

Gyüshi (rGyud bzhi)

Das Gyüshi (Tib. rGyud-bzhi) gilt als das zentrale Werk der Tibetischen Medizin. Zusammen mit dem Blauen Beryll und den 79 Medizin-Thankas, die das Gyüshi illustrieren, ist es das Alpha und Omega der medizinischen Ausbildung. So muss der Scholar das Gyüshi Wort für Wort auswendig lernen. Bei seiner ersten Prüfung muss er es dann von Anfang bis zum Ende rezitieren. Diese Prüfung dauert von Morgen bis Mittag.

Das Gyüshi besteht aus vier Teilen: Dem Wurzel-Tantra (Tib. rTsa baŽi rgyud) - einem kurzen Text, der einen überblick über Tibetische Medizin gibt. Dem Tantra der Erklärung (Tib. bShad paŽi rgyud) mit Embryologie, Anatomie, Zeichen für einen bevorstehenden Tod, Charakteristika bestimmter Krankheiten, die Funktionen der drei Säfte (Körperprinzipien) bei Gesundheit und Krankheit, Arten von Arzneien, die nötig sind, um die Krankheiten zu heilen und Verhaltens- und Diätregeln.

Dem Tantra der mündlichen Tradition (Tib. Man ngag gi rgyud), welches Krankheitsarten und ihre ätiologie, Pathologie und Therapie darstellt. Das letzte Tantra (Tib. Phyi maŽi rgyud) mit den Methoden der Diagnose.

Eine Inhaltsübersicht des Gyüshis finden Sie in Elisabeth Finkh. Grundlagen tibetischer Heilkunde. Band I. Kapitel 5. S. 33-42. oder T.J. Tsarong. Fundamentals of Tibetan Medicine. pp. 100-108.

Das tibetische Lehrwerk bedient sich der bildlichen Darstellung eines Baumes, damit die Studenten die Lehrinhalte leichter memorieren können. Man nennt diese die „illustrierten Bäume der Medizin“. Es gibt insgesamt drei Wurzeln, aus denen neun Stämme mit 42 Zweigen wachsen. Diese Zweige wiederum tragen 224 Blätter, zwei Blüten und drei Früchte (Donden, 1998).

Materia Medica

Tibetische Medikamente bestehen aus Pflanzen und Pflanzenteilen, Edelsteinen, Metallen und tierischen Produkten. Vor allem Vielstoffpräparate mit bis zu 100 Inhaltsstoffen stellen den Grundpfeiler der tibetischen Pflanzenmedizin. Die traditionelle asiatische Medizin, sei es nun die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die Tibetische Medizin oder das Ayurveda, verwendet für ihre Therapeutika eine Reihe an Metallen wie Blei, Kupfer, Gold, Eisen, Quecksilber, Silber, Zinn und Zink. Mehr dazu in den Fachartikeln: Juwelpillen, Schwermetalle in der traditionellen Medizin.

Literatur

ASCHOFF, J.C. & T.Y. TASHIGANG. Tibetan precious pills. A tantric healing system. Fabri Verlag Ulm 2001.

BADMAJEFF, W. Lung-Tripa-Bäkän. Grundzüge der tibetischen Medizin. Fabri Verlag Ulm 2002.

CHOEDRAK, T. Ganzheitlich leben und heilen. Der Leibarzt des Dalai Lama über Vorbeugung und Therapie von Krankheiten. Verlag Herder Freiburg im Bresgau 1994.

DALAI LAMA. Der Schlüssel zum Mittleren Weg. Weisheit und Methode im tibetischen Buddhismus. Dharma edition 1991.

DONDEN, Y. Tibetisches Heilwissen. Gesundheit durch Harmonie. Der Leibarzt des Dalai Lama über die Prinzipien eines gesunden und langen Lebens. Verlag Herder Freiburg im Bresgau 1994.

RUNKEL, W. Der Leibarzt des Dalai Lama. Die Zeit. 1998

SCHUMANN, H.W. Buddhismus. Stifter, Schulen und Systeme. Eugen Diederichs Verlag, München 1994.


 

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Wikipedia zur Tibetischen Medizin

Bibliographie von J. Aschoff

DMOZ zur Tibetischen Medizin



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